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5-Punkte-Plan für gute Unterrichtsversorgung

Je näher das neue Schuljahr rückt, umso deutlicher zeichnet sich ab, dass sich die Unterrichtsversorgung nicht verbessert, sondern eher noch verschlechtert. Das Bildungsministerium hat bestätigt, dass von 370 Stellen rund 100 unbesetzt bleiben werden – entgegen der ausdrücklichen Ankündigung des Ministers. Das ist mehr als ein Viertel.

Und auch die Schulbesuche unserer Abgeordneten haben überall sehr skeptische bis negative Einschätzungen durch die Schulleitungen erbracht.

Unsere Landtagsfraktion hat deshalb am gestrigen Freitag vor der Presse einen 5-Punkte-Plan für gute Unterrichtsversorgung vorgestellt, den wir Euch mit diesem Rundbrief übersenden. Uns geht es darum, praktisch und schnell Abhilfe zu schaffen, noch im jetzt beginnenden Schuljahr.

Dazu möchten wir Euch weitere Argumente an die Hand geben:

1) 100 Stellen sofort neu ausschreiben

Dass das Bildungsministerium die frei gebliebenen Stellen schnellstmöglich neu ausschreibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Wichtig ist, dass dabei Flexibilität an den Tag gelegt und auf schulscharfe Ausschreibungen verzichtet wird. Den Hinweis, dass die Besetzungen sonst nicht zu schaffen sind, hat Bildungsminister Marco Tullner schon vor vielen Monaten bekommen.

2) Ein Konzept für die Gewinnung von Quer- und Seiteneinsteigern innerhalb von vier Wochen

Dass so viele Stellen nicht besetzt werden konnten, zeigt, wie scharf der Wettbewerb um ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer ist. Ohne den Einsatz von Quer- und Seiteneinsteigern wird diese Lücke nicht zu schließen sein.

Im Januar 2017 hat das Bildungsministerium erstmals ein Papier vorgelegt, das einige Anforderungen für die Einstellung von Quer- und Seiteneinsteigern beschreibt. Notwendige Änderungen im Schulgesetz befinden sich jetzt – endlich – in der Ressortabstimmung für einen Kabinettsentwurf.

Wir erwarten jetzt ein umsetzungsorientiertes Konzept für die Gewinnung von Quer- und Seiteneinsteigern, das noch im jetzt beginnenden Schuljahr Wirkung entfalten kann. Deshalb sagen wir: innerhalb von vier Wochen. Dafür brauchen wir

– einen Maßnahmenplan zum Aufbau der Kapazitäten für die erforderliche Weiterbildung,
– konkrete Vorgaben für deren inhaltliche Ausgestaltung und
– Antworten auf die Frage, mit welchen Anreizen Menschen dafür gewonnen werden sollen, in den Lehrerberuf zu wechseln.

Für die Weiterbildung sind neben dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung auch die Universitäten wichtige Partner. Außerdem sind dort die Studierenden, die wir für einen Wechsel ins Lehramt gewinnen wollen.

3) Wir wollen die Sprachlehrerinnen und Sprachlehrer zurückholen

Wir wollen das, weil wir mit den Sprachlehrkräften schon einen großen Pool von mehr als 180 Quer- und Seiteneinsteigern an unseren Schulen hatten. Und wir wollen das, weil die Kinder mit zusätzlichem Sprachförderbedarf nicht verschwunden sind. Es sind vielmehr mehr als je prognostiziert wurden. Auch die Kinder, die mit ihnen zusammen lernen sollen, sind nicht verschwunden – und sie sind weiter darauf angewiesen, dass die neuen Mitschüler dem Unterricht auch folgen können. Verschwunden sind nur die Sprachlehrer, weil das Bildungsministerium sie hat ziehen lassen.

Der Umgang des Bildungsministers mit dem Thema Sprachlehrkräfte zeigt: Wer vor der Realität die Augen verschließt, kann keine zielgenaue Politik machen.

Wenn übrigens Minister Tullner in der Presse behauptet, dass diese Lehrkräfte “größtenteils nur einen Bachelorabschluss” hatten, entspricht das nicht den Tatsachen. Richtig ist: Über 80 Prozent hatten einen Hochschulabschluss auf Master-Niveau. Unter zehn Prozent hatten einen Bachelor-Abschluss. Und zehn Prozent hatten eine pädagogische Qualifikation ohne Hochschulausbildung. Ich habe überall im Land hoch anerkennende Worte über die Arbeit und das Engagement dieser Lehrkräfte gehört, die oft “von jetzt auf sofort” eine ganz schwierige pädagogische Aufgabe übernommen haben.

4) Die bedarfsmindernden Maßnahmen müssen auf den Prüfstand

Die bedarfsmindernden Maßnahmen, die den Schulen vom Bildungsministerium übergestülpt würden, haben den “Vorteil”, dass sie die Unterrichtsversorgung rechnerisch – und optisch – verbessern. Sie haben aber den großen Nachteil, dass sie definitiv die Falschen treffen. Denn sie bestrafen die Lehrkräfte, die sich über den 08/15-Fachunterricht hinaus engagieren: durch das Anbieten von Arbeitsgemeinschaften, durch die Betreuung der Schulbibliothek, durch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. Ihnen werden dafür Stundenkontingente entzogen.

Schon jetzt zeichnet sich zudem die Gefahr ab, dass diese Maßnahmen zu Lasten pädagogischer Standards gehen. Das gilt

– für die Grundschule mit festen Öffnungszeiten,
– für Ganztagsschulen,
– für Gemeinschaftsschulen und
– für die Ausprägung von inhaltlichen Schulprofilen.

Wir fordern deshalb, nach drei Monaten kritisch zu überprüfen, welche Auswirkungen auf den Schulbetrieb eingetreten sind.

5) Nachtragshaushalt für 2018 auf den Weg bringen, 350 zusätzliche Lehrerstellen einrichten

Die strikte Haushaltspolitik der letzten Jahre, die stabile Konjunktur und die hohen Steuereinnahmen haben die finanzielle Situation des Landes Sachsen-Anhalt erheblich verbessert. Zusätzlich werden eingeschränkte Mittelabflüsse voraussichtlich für hohe Haushaltsüberschüsse im Jahr 2017 sorgen.

Wenn schon die Sparpolitik der letzten Jahre die Schulen über Gebühr belastet hat, dann müssen wir jetzt wenigstens die Erfolge dieser Sparpolitik nutzen und Haushaltsüberschüsse investieren!

Wir werden zudem auch für andere Aufgaben zusätzliche Mittel brauchen, die einen Nachtragshaushalt erforderlich machen.

Wir wissen, dass die SPD aus den vergangenen Jahren Mitverantwortung für die heutige Personalsituation trägt. Gerade deswegen sind wir ja als Teil dieser Koalition angetreten, um notwendige Kurskorrekturen mit auf den Weg zu bringen.

Doch CDU-Minister Tullner hat selbst gesagt: Das nächste Schuljahr ist mein Schuljahr, dafür trage ich selbst die Verantwortung. Und deshalb hat die Mitteldeutsche Zeitung auch zu Recht vom Ende des “politischen Welpenschutzes” für den Minister geschrieben.

Die SPD hat ihm mehrmals die Hand gereicht, um Probleme gemeinsam zu lösen, nicht zuletzt bei den Haushaltsverhandlungen. Er hat sie immer ausgeschlagen. Wir dürfen gespannt sein, ob er sie jetzt ergreift.

 

Mit solidarischen Grüßen

Burkhard Lischka     Katja Pähle
Landesvorsitzender Vorsitzende der Landtagsfraktion